Mein Leben in der Schinitz
- 21. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Feb.
Fast 95 Jahre ist sie heute alt.Und seit 1957 lebt sie in derselben Wohnung.
Damals ist sie mit ihrem Mann und ihrer fast einjährigen Tochter eingezogen. Zwei Koffer, ein kleines Kind – und ein großer Wunsch: Freiheit.

Davor hatte sie mit der Familie zusammengewohnt. Viele Menschen unter einem Dach, wenig Raum für sich. Die eigene Wohnung war kein Luxus. Sie war ein Aufbruch. Ein Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Ein leises, aber starkes Gefühl von: Jetzt beginnt unser eigenes Leben.
Sie hatte davor zwei Jahre lang eine Wohnung gesucht. Nichts war frei. Und als sie schließlich die Zusage bekam, war es mehr als ein Mietvertrag. Es war Sicherheit. Es war Zukunft.
Das erste Weihnachten in der neuen Wohnung erinnert sie noch genau. Es war warm, ruhig und gemütlich. Nur sie, ihr Mann, ihr kleines Kind. Kein Trubel, kein Gedränge – nur ihr eigenes Zuhause.
„Das war schön“, sagt sie. Und man merkt, dass dieses Gefühl bis heute geblieben ist.

Die Wohnung liegt in der Schinitz, mitten in Kapfenberg – und doch im Grünen. Die Mürz ist nah, der Spazierweg Richtung Diemlach nicht weit. Sie sagt: „Mein Leben ist in der Schinitz.“
Aus dem Fenster schaut sie bis heute gern. Sie sieht Menschen vorbeigehen, Kinder auf dem Weg von der Schule, das Rote Kreuz.
In anderen Gegenden, sagt sie, stehen die Häuser zu dicht nebeneinander. Hier sei es anders. Luftiger, offener und persönlicher.
Als sie eingezogen ist, sind viele junge Familien gekommen. Heute sind die meisten alt geworden. Manche wohnen noch immer hier.
Man kennt sich. Man grüßt sich. Man hilft sich.

Wenn jemand Zucker braucht, wird geklopft. Am nächsten Tag steht er wieder vor der Tür. Man fragt nach. Man schaut aufeinander. Früher gab es eine gemeinsame Waschküche. Heute hat jede Wohnung ihre eigene Waschmaschine. Früher wurde mit Kohle geheizt. Heute kommt die Wärme aus der Fernleitung. Die Fenster wurden erneuert. Vieles hat sich verändert.
Und doch ist etwas gleich geblieben: das Gefühl. Sie hat hier alle Lebensphasen erlebt.Das Aufwachsen der Tochter.Den Auszug.Den Verlust ihres Mannes. Und immer war diese Wohnung da. "Es ist ein schönes Gefühl, seit Jahrzehnten in seinem Zuhause wohnen zu dürfen“, sagt sie ruhig. Vielleicht ist genau das gemeint, wenn man von Sicherheit spricht. Nicht laut, nicht groß. Sondern verlässlich.
Sie weiß, dass hinter ihrem Vermieter die Gemeinde steht. Dass es immer eine Lösung gab, wenn etwas war. Dieses Wissen gibt ihr Ruhe. Nach fast sieben Jahrzehnten ist ihre Wohnung nicht nur ein Ort. Sie ist Erinnerung, Freiheit, Lebensweg.
Manchmal beginnt ein Zuhause mit einem Wunsch nach Unabhängigkeit.
Und bleibt ein ganzes Leben lang.



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